Personalbemessung in der Langzeitpflege

Endlich liegt das lange erwartete Ergebnis für eine bedarfsgerechte Bemessung der Personalausstattung in der stationären Langzeitpflege vor. Anstelle historisch gewachsener Personalschlüssel und politisch gesetzter Fachkraftquoten haben wir nun eine leicht anwendbare Bemessungsformel, die sich am tatsächlichen Versorgungsbedarf von Pflegebedürftigen in der Langzeitpflege orientiert. Westerfellhaus: „Eine Personalausstattung nach bundeseinheitlichen Kriterien ist längst überfällig - gerade auch in Zeiten einer generalistischen Pflegeausbildung und Corona. Pflegebedürftige haben Anspruch auf eine bedarfsgerechte Versorgung, ganz egal wo sie leben."

 

Der von Pflegewissenschaftlern entwickelte Algorithmus zeigt auf, was allerorts längst spürbar ist. Es bräuchte im Schnitt 36 % mehr Personal in den Pflegeeinrichtungen, um die tägliche Arbeit ohne Hetze zu schaffen. Westerfellhaus: „Wo ich auch hinkomme, meist höre ich von Beschäftigten in den Einrichtungen den Wunsch nach mehr Kolleginnen und Kollegen. Jetzt liegen die Fakten und eine Lösung auf dem Tisch. Es gibt kein Zurück mehr."

 

Die Wissenschaftler schlagen eine schrittweise Einführung vor. Westerfellhaus: „Zusätzliches Personal in der Pflege kann nur dann Entlastung bringen, wenn auch die Strukturen und Abläufe einer Einrichtung stimmen. Unzuverlässige Dienstpläne und eine Aufgabenverteilung à la "Jeder macht alles" verschwinden nicht automatisch, wenn man plötzlich mehr Beschäftigte hat."

 

Die schrittweise Einführung soll daher eine modellhafte Einführung umfassen, um Zeit zur Mitarbeiterakquise und gleichzeitig Zeit für eine Personal- und Organisationsentwicklung zu haben. Westerfellhaus: „Arbeitgeber sollten in der Pilotierung nicht nur mehr Personal bekommen, sondern sich ins Zeug legen und Abläufe und Arbeitsbedingungen verbessern. Ich habe bereits - wie in der Konzertierten Aktion Pflege vereinbart - in einem Projekt bewährte Instrumente für gute Arbeitsbedingungen in der Pflege mit einem Schulungs- und Beratungskonzept entwickeln lassen. Diesen Instrumentenkoffer könnten Pflegeeinrichtungen in der Einführung der Personalbemessung sofort nutzen." Messbare Leitschnur muss neben der Versorgungsqualität auch die Mitarbeiterzufriedenheit sein. Die Anwendung des Instrumentenkoffers wurde evaluiert und seine Wirksamkeit nachgewiesen.

 

Westerfellhaus: „Die Einführung der Personalbemessung in der Langzeitpflege muss jetzt zügig kommen, um endlich Frust und Hetze in der Pflege zu überwinden. Vernünftige Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte sind die beste Anerkennung und nachhaltiger als Applaus und Einmalprämien. Gleichzeitig müssen Lösungen auf den Tisch, damit die Eigenanteile der Bewohnerinnen und Bewohner mit der Anwendung des Personalbemessungsverfahrens nicht durch die Decke gehen."

 

Zum Hintergrund: Mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz wurde ein gesetzlicher Auftrag verankert, bis zum 30. Juni 2020 ein Personalbemessungsverfahren in der Langzeitpflege zu entwickeln und zu erproben (§ 113c Elftes Buch Sozialgesetzbuch). Der Auftrag wurde an ein Konsortium rund um den Pflegewissenschaftler Prof. Heinz Rothgang (Universität Bremen) vergeben. Sein zweiter Zwischenbericht mit den wesentlichen Ergebnissen wurde bereits Anfang 2020 veröffentlicht. Der Endbericht liegt den Auftraggebern vor – mit der Abnahme ist in Kürze zu rechnen. Zur verbindlichen, bundeseinheitlichen Anwendung braucht es noch eines gesonderten Gesetzgebungsverfahrens, bei dem gleichzeitig die Kostentragung bzw. -verteilung für das zusätzliche Personal geregelt werden müsste.

 

Den zweiten Zwischenbericht finden Sie hier.

zurück